Gedanken eines Zeitzeugen

brandt12. Dezember 1990

Festakt zur Benennung unseres Gymnasiums auf den Namen des Journalisten und Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky

Die Ansprache des Friedensnobelpreisträgers und
Bundeskanzlers a.D. Willy Brandt

Herr Oberstudiendirektor,
liebe Schülerinnen und Schüler,
für die Einladung heute hierher ins "Carl-von-Ossietzky-Gymnasium" der Stadt Bonn, wie das ehemalige Städtische Gymnasium Bonn-Röttgen seit Beginn dieses Schuljahres heißt, möchte ich danken. Ich bin gern zu dieser Namensgebungsfeier gekommen.

I.

Zunächst hat mich beeindruckt, dass die Abiturienten des Schuljahres 1988/89 diese Namensgebung angeregt haben und die Schulkonferenz dieser Anregung im September 1989 gefolgt ist. Nicht allen Anregungen, die von Schülerseite kommen - so war es jedenfalls zu meiner Schulzeit - widerfährt eine ähnlich freundliche Behandlung.

Warum hat mich die Namensgebung beeindruckt? Zunächst deshalb, weil damit ein Opfer der Gewaltherrschaft - ein "Moorsoldat" - geehrt wird, die sich 1933 und danach Deutschland unterwarf (und es in maßloses Unglück stürzte).

Zum anderen, weil die Erinnerung an einen Skribenten wachgehalten wird, der als radikaler Demokrat gegen nationalistische Zerstörer anschrieb und sich nicht scheute, illegale Rüstungen aufzudecken (- dabei spielten auch Machenschaften eine Rolle, an denen auf deutscher Seite die Reichswehr und auf sowjetischer Seite die Rote Armee verwickelt waren).

Drittens haben wir es, über das eben erwähnte Beispiel hinaus, bei Carl von Ossietzky mit einem Mann des Friedens zu tun, dessen Wirken und Leiden 1936 durch den Friedensnobelpreis gewürdigt wurde. Das war zugleich die wohl eindrucksvollste Ermutigung, die in den dreißiger Jahren dem anderen, nichtnazistischen Deutschland zuteil wurde.

Als mir 35 Jahre später, vor einem gänzlich veränderten Hintergrund der Nobelpreis für Bemühungen um den Frieden verliehen wurde, habe ich u.a. ausgeführt:

"Europäische Friedenspolitik lebt aus dem Geist der Geschichte. Dies klammert die dunkelsten Jahre nicht aus, sondern bezieht sie ausdrücklich ein. In jenen bösen Jahren des Hitlerregimes hat die Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky viel bedeutet.

Mit seiner scharfen Feder stritt er gegen Militarismus und Nationalismus. 1921 schrieb er: 'Es haben viele Nationen miteinander gekämpft, aber geflossen ist nur einerlei Blut: das Blut der Bürger Europas.' Von ihm forderte die Zeit noch mehr als Zivilcourage, sie forderte von ihm das Leben.

Kurz vor der Verleihung versuchte einer der Gewalthaber von dem unbequemen Gefangenen die Zusage zu erpressen, dass er den Preis zurückweisen würde. Dann sollte er befreit, materiell sichergestellt und in Zukunft nicht mehr belästigt werden. Ossietzky sagte nein - und ging ins Gefängnis zurück. Ich war damals, als 22jähriger, 'illegal' in Berlin. Und gerade dort ging mir dies sehr nahe, nachdem ich an der 'Kampagne' unmittelbar beteiligt gewesen war.

Mit Carl von Ossietzky hat das Nobelkomitee einen Verfolgten geehrt, der nicht hierher kommen durfte, um den Preis zu empfangen. Seine Ehrung war ein moralischer Sieg über die damals herrschenden Mächte der Barbarei. Ich möchte dem Nobelkomitee heute im Namen eines freien Deutschland dafür in aller Form einen späten Dank aussprechen.

Gleichzeitig möchte ich all denen meine Anerkennung sagen und meine Ermutigung geben, die sich um Menschen kümmern, die wegen ihrer Überzeugung gefangengehalten oder auf andere Weise verfolgt werden.

Den Männern und Frauen des Widerstandes gegen Hitler bin ich gerade auch hier ein Wort des tiefen Respekts schuldig. Ich grüße die ehemalige Résistance in allen Ländern.

Der deutsche Widerstand hat opfervoll für Anstand, Rechtlichkeit und Freiheit gekämpft. Er hat das Deutschland bewahrt, das ich als das meine empfinde und das mir mit der Auferstehung des Rechts und der Freiheit wieder ganz zur Heimat wurde."

Ein Beispiel, wie heute an Ossietzky - nicht nur durch Namensgebung - erinnert werden kann, gaben Schüler und Lehrer der Carl von Ossietzky-Gesamtschule Berlin. Sie organisierten einen deutsch-polnischen Jugendaustausch mit der Stadt Slonsk, dem früheren Sonnenburg, dem Ort also, wo Ossietzky misshandelt wurde. - Das braucht man nicht nachzumachen, aber zu vernünftigem Umgang mit einem schwierigen Kapitel unserer Geschichte kann es allemal anregen.

II.

Ich bin Ossietzky - leider - nie persönlich begegnet; das hat mit meiner Mutterstadt und mit meinem Geburtsdatum zu tun. Mein Abitur habe ich 1932 am Johanneum zu Lübeck gemacht, und in Berlin war ich zum erstenmal kurz im März '33; da hatte man Carl von Ossietzky schon in "Schutzhaft" genommen - wie die von Misshandlung begleitete Freiheitsberaubung betrügerisch genannt wurde.

Aber die "Weltbühne", das Wochenblatt, das Ossietzky redigierte, hatte ich schon in Lübeck mit einiger Regelmäßigkeit gelesen. Es kostete fünfzig Pfennig, das war damals viel Geld für einen Schüler. Ich las sie mit Freunden in einer Kaffeestube, wo man für fünfzehn Pfennig eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen bekam. Mit einer Auflage von nicht mehr als 15.000 Exemplaren erzielte sie eine erstaunliche Wirkung. Wir verfolgten auch mit leidenschaftlichem Interesse die Prozesse, die Ossietzky schon vor 1933 angehängt wurden.

Ossietzky war alles andere als ein bequemer Mann, und ihm war viel Zivilcourage eigen. Wenn ich heute nachlese, was er damals schrieb, will mir scheinen, dass er nicht selten über Gebühr zuspitzte oder übers Ziel hinaus schoss. Aber das hängt dann auch damit zusammen, dass die Weimarer Republik - von der man gesagt hat, sie sei eine Demokratie mit zu wenig Demokraten gewesen - und die kritische Intelligenz kein angemessenes Verhältnis zueinander fanden.

An den Bemühungen, Carl von Ossietzky den Friedenspreis 1936 zuzuerkennen, hatte ich einigen Anteil. Und vielleicht sollte ich davon etwas erzählen.

III.

An jener Ossietzky-Kampagne, die entgegen allen Erwartungen schließlich doch glückte und die zu den wenigen Erfolgen zählt, die das deutsche Exil zumindest mitfördern half, war ich also beteiligt. Eine entscheidende Rolle kann ich kaum gespielt haben, aber der Zufall wollte, dass ich gut placiert war: Oslo war mein Wohnort, wenn ich auch nicht immer dort war; als abschließend über den Preis entschieden wurde, war ich in Berlin. Ich kannte das politische und intellektuelle Milieu in Norwegen, die Presselandschaft; ich hatte auch Zugang zu mindestens zwei der fünf Komiteemitglieder, von denen allein die Entscheidung abhing (und noch immer abhängt).

Als ich mit dem Vorlauf zur Ossietzky-Kampagne zu tun bekam, war ich gerade zwanzig Jahre alt, Journalist und Student. Zum erstenmal hörte ich von der Idee, Ossietzky für den Preis vorzuschlagen, im Frühjahr 1934 von einem Journalisten, der an der "Weltbühne" mitgearbeitet hatte und der sich nun aus Straßburg an mich wandte; dort gab er einen kleinen "Zeitungsdienst" heraus. Der noch nicht formalisierte Vorschlag wurde in jenem Frühjahr '34 von Georg Bernhard im "Pariser Tageblatt" lanciert. Niemand schien sich aber - wie so oft bei größeren Vorhaben, möchte ich fast hinzufügen - über die praktischen Dinge Gedanken gemacht zu haben: was da heißt, welche Vorschlagsfristen für den Nobelpreis galten, wer zu Nominierungen berechtigt war und wie ein Vorschlag begründet werden musste. Das hatte auch ich nicht auf der Schule gelernt. Dies nachzuholen, wurde mein erster Beitrag zu dem, woraus später eine bedeutende Kampagne gegen das NS-Regime wurde.

In den Jahren 1934-1936 hatte ich in Sachen Ossietzky engen Kontakt mit zwei engagierten Frauen, die sich als politisch unabhängig eifrig und wirksam um die Kampagne kümmerten: In Oslo eine Studienrätin, die sich um die Flüchtlingshilfe verdient machte; in Paris eine Journalistin, die in Berlin mit Ossietzky zusammengearbeitet hatte. Die beiden Frauen brachten es - ohne Büros, Referenten oder sonstigen Aufwand - mit bewundernswerter Zähigkeit zuwege, dass internationale Reaktionen vielfältiger Art zu verzeichnen waren. Wesentliche Impulse gingen von Helmut Gerlach in Paris aus, dem früheren Chefredakteur der "Welt am Montag" und prominenten Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft; auch Angehörige der "Liga für Menschenrechte" spielten eine Rolle. Große deutsche Namen - Albert Einstein, Karl Barth, Thomas Mann und andere - wurden erst später für die Kampagne gewonnen. Nicht 1934, wohl aber 1935 lagen dem Ausschuss in Oslo eine Reihe zugunsten Ossietzkys fristgerecht eingereichter Vorschläge vor. Doch man befand, dass der Preis in jenem Jahr nicht vergeben werden sollte.

Die Kampagne lief weiter, und Ossietzky wurde von neuem, diesmal von mehreren hundert Vorschlagsberechtigten nominiert: Von den 69 Abgeordneten der Arbeiterpartei im norwegischen Storting, von 59 Mitgliedern des schwedischen Riksdag, neben vielen anderen Parlamentariern aus der Schweiz, Frankreich, Dänemark, Großbritannien, der Tschechoslowakei.

Wie es gar nicht anders sein konnte, ergaben sich unvorhergesehene und störende Konkurrenten. So war der greise Prinz Carl, Bruder des Schweden-Königs Gustav und Titularchef des dortigen Roten Kreuzes, vorgeschlagen. Ernstere Konkurrenz erwuchs in der Gestalt des Professors T.G. Masaryk, Begründer und Staatspräsident der CSR, der ebenfalls vorgeschlagen war. Nun versuchte man, diesen nationalen Demokraten und herben Humanisten zu überreden, er möge dem Osloer Komitee sein Desinteresse - damit seinen Verzicht - melden. Ich weiß bis heute nicht, wer genau ermittelt hat, ob er es tat. Leicht kann ihm das, der Grund hatte, um den Bestand seines jungen Staates zu bangen, nicht gefallen sein.

Den Vorsitz im Nobel-Komitee - das geheim berät und in aller Regel erst nach Übereinstimmung entscheidet - führte damals ein liberal-konservativer Professor und früherer Justizminister. Er hatte bis zuletzt Zweifel, ob die Entscheidung von der Sache her unangreifbar gewesen sei oder ob nicht antinazistischer Übereifer die Feder geführt habe.

Als der norwegische Nobel-Ausschuss am 23. November 1936 seinen Entschluss für Ossietzky bekannt gab, hielt ich mich - wie erwähnt - nicht in Oslo, sondern in Berlin auf. "Endlich einmal eine gute Nachricht" war Thomas Manns Reaktion auf die Osloer Entscheidung. - Wir ahnten oder wussten sogar, welchen Druck die Hitler-Regierung auf die norwegische Regierung auszuüben suchte; auf welche Weise Göring bemüht war, den schwerkranken "Moorsoldaten", den man aus dem Moor-KZ Esterwegen nach Berlin gebracht hatte, zum Verzicht auf den Preis zu zwingen, wurde auch bald bekannt.

Die moralische Ohrfeige, die Hitler und seinen Leuten verabfolgt worden war, hatte gesessen. Ich konnte mich selbst von der Wut überzeugen, mit der man "im Reich" mit gelenkten Stellungnahmen auf den Osloer Entscheid reagierte - bis hin zur lächerlichen Verfügung, der zufolge ein Deutscher nie mehr einen Nobelpreis hätte annehmen dürfen. Ich habe damals aber auch an Ort und Stelle erfahren, als eine wie unerwartete, deshalb umso stärkere Ermutigung die Ehrung Ossietzkys von deutschen Hitlergegnern empfunden wurde. Dass sich so viele Europäer, auch Amerikaner, mit Rang und Namen zugunsten eines verfolgten deutschen Demokraten und Antimilitaristen einsetzten, war ein Quell der Hoffnung in sehr schwerer Zeit.

IV.

Das, wovon ich eben sprach, mag jungen Menschen vorkommen, als stamme es aus einer anderen Welt. Es war ja auch eine andere Welt.

Anders als in der Weimarer Republik haben wir es in der Bundesrepublik mit einem Staatswesen zu tun, dessen verfassungsmäßige Grundlagen - von extremen Gruppen abgesehen - nicht umstritten sind. Das wird sich nicht ändern, wenn demnächst das Grundgesetz für das vereinte Deutschland ergänzt und (wenn es nach mir geht) einer Volksabstimmung anheim gegeben wird.

Zweitens: Nachdem der Kalte Krieg und die militärische Konfrontation, auf Europa bezogen, hinter uns liegen, können die Kräfte auf sinnvollere Aufgaben konzentriert werden.

Ich bin sicher, Carl von Ossietzky würde dem zustimmen, könnte er unter uns sein. Er wäre gewiss auch darin mit uns einig, dass es auf unsere Jugend und die unserer Nachbarvölker ankommt, den Zusammenschluss der Völker Europas weiter voranzubringen, als es uns Alten gelungen ist.

Möge der Geist der Friedfertigkeit und Verständigung an diesem Gymnasium - und vielerorts sonst - lebendig bleiben. Ich wünsche Ihnen Gutes.

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